Hi Roland, wie geht’s Dir heute – und fühlst du dich jeden Tag gleichartig „männlich“?

Heute fühle ich mich sehr in Frieden mit dem, was ist. Mein Männlich-Sein ist jeden Tag anders, manchmal ganz feinfühlig, manchmal kraftvoll, manchmal stolz, manchmal lausbubenhaft und viele Schattierungen und Nuancen mehr. Eben die Fülle dessen, was ein Mann an Talenten und Fähigkeiten in sich hat.

In alten Kulturen wurden männliche Jugendliche oft durch Rituale ins offizielle Mannsein geführt, als mittels „Männerinitiation“. Fehlt uns das heute?

Ja, absolut. Wir feiern mehr „kommerzielle“ Festtage, als das wir solche zu Gunsten unseres Gleichen tun. Gerade diese Rituale, die jungen Männern dazu dienen sich ihres „Mann-werdens“ bewusst zu werden, aufgenommen werden in die Gemeinschaft der Männer. Damit bekommen sie Aufgaben und Verantwortung für sich und das Gemeinwohl übertragen. Diese Rituale der Übergänge können nur durch Männer weiter gegeben werden.

Warum ist der Mann, also das Rollenbild und wie es ausgelebt wird, überhaupt in der Krise?

Gegen Ende einer langen Entwicklung müssen wir erkennen, dass wir immer weniger den Worten von Männern Glauben schenken. Die Visionen und schönen Worte konnten bisher nie verwirklicht werden. Wir wurden zusätzlich überfrachtet von scheinbaren Idealen durch Werbung und Medien. Dies alles war fatal für den Mann. Vielleicht ist es vergleichbar dem „Image“ vom Wolf. Dieses scheue Tier, das für Lebensplätze für sein Rudel sorgt. Ihm wird viel Böses in Märchen und Filmen nachgesagt und zugeordnet. Beim kleinsten ähnlichen Geschehnis in natura, wird dieses Bild wieder-belebt. Da wir nie direkten Kontakt mit dem Wolf hatten, wissen wir nicht tatsächlich ob er ein böses Tier ist.

So ähnlich ist es beim Bild des Mannes auch. In den vergangenen Jahrhunderten gab es so vielfältige Charaktere von Männern, die Extreme lebten. Sie brachten sehr oft Leid und Schmerz zu den Menschen. Sobald ähnliches heutzutage wieder passiert, erfolgen die Anreicherung und der Rückgriff auf Gewesenes durch den Mann. Es gilt hier m. E. einfach zu akzeptieren, dass – auch – kein Mann perfekt ist. Er hat seine dunklen Seiten, und er hat seine hellen, lichten Seiten. Jeder Mann! Wenn wir vielleicht aufhören das Böse so exzessiv ins Licht zu stellen und dafür für die positiven Seiten dorthin, gibt es die Chance, dass der Mann mehr seine guten Seiten zeigt. Dafür wird er dann respektiert, angenommen und ihm wird wieder vertraut.

Was macht für DICH einen „echten Mann“ aus – im Unterschied zum Weiblichen?

Sich seiner Energien, seiner Schwächen und seiner Stärken bewusst zu sein, und damit neugierig auf die Welt zu sein. Eben diese Plätze und die Möglichkeiten zum Überleben des „Rudels“ zu erforschen, entdecken und zu nutzen. Stets unter der Prämisse, dass dies nur möglich sein wird, wenn unser Handeln so wenig wie möglich Menschen schadet und möglichst viele eine gleiche Menge an Nutzen haben. Darin ist beinhaltet der achtsame Umgang mit unserer Erde, einschließlich jedes Menschen. Wir Männer sind „von Natur“ aus die Eroberer und die Frau, diejenige die Leben schenkt und Leben bewahrt. Leben wird nicht dauerhaft funktionieren, wenn Männer für Haus und Hof sorgen und Kinder hüten. Und die Frauen das Geschäftsleben bestimmen. Kurzzeitig mag das funktionieren. Dauerhaft wird das nicht gehen!

Alle Talente der Geschlechter gilt es anzunehmen und in Ausgewogenheit leben zu lassen, nicht nur nebeneinander, nicht nur miteinander, sondern füreinander!

Wie sieht männliche Liebe aus?

Sie folgt dem uralten Prinzip der Liebe zwischen Mann und Frau, in dem wir die Frau und damit die Mutter in ihr verehren. Liebe ist nur unbeschreiblich – sie ist eine Schwingung, ein Gefühl, ein Zustand – das alles ist nicht treffend. Liebe IST.

Darauf basierend folgen die Finessen des Liebesspiels durch uns Männer. Wir werben um die Frau, wir machen ihr Komplimente und Geschenke. Wir flirten. Ist die Resonanz durch die Frau gegeben, können wir gemeinsam mit Liebe beginnen zu schwingen. Schlussendlich ist eine Möglichkeit, dass Mann und Frau sich vereinigen – dafür gefällt mir der Begriff „Hochzeit halten“ besser. Am Besten mit dem gemeinsamen Wunsch etwas Neues für diese Welt entstehen zu lassen, z. B. eine erfüllende Beziehung oder Kinder für die Zukunft.

Männliche Liebe kann von sanft bis kraftvoll sein. Sie sollte ziel- und zeitlos sein, in Achtsamkeit und Demut gelebt werden. Hierfür wäre schön, wenn es Schulen oder Vorbilder oder Erzählungen darüber gäbe, die diese Attribute beinhalten.

Wie geht ein männlicher, moderner Mann mit seinen Schwächen um?

Er nimmt sie an und akzeptiert sie. Er steht auch dazu. Der Mann macht kein Drama draus und gibt ihnen keine Energie durch seine Gedanken und Phantasien. Einfach jetzt, in dem Moment Ja zu seiner Schwäche zu sagen.

Welche Rolle spielt der eigene Weg, die eigene Mission für die Männlichkeit?

Der Weg des Mannes beginnt heutzutage meist mit einem Spagat (= etwas, was wir Männer noch nie wirklich konnten!). Also die Erwartungen der anderen zu erfüllen und für die eigenen Bedürfnisse zu leben und zu streben. Letztendlich klappt dies erst, wenn der Mann erkannt hat: ich kann die Erwartungen der anderen nicht erfüllen. Ich kann nur das leben und sein, was ich heute, jetzt als Mann bin.

Wie wichtig sind Treffen mit männlichen Freunden – unter Ausschluß der Freundinnen und Frauen – für das eigene Mannsein?

Wir brauchen die Spiegel unserer Männlichkeit – von jedem Mann, egal ob Manager, Tippelbruder, ob Musikant oder Student, Physiker oder Analphabet, grau- oder langhaarig! Als Mann unter Männer können wir uns selbst immer näher kommen. Innerhalb kürzester haben wir bei solchen Treffen mit anderen Männern die Möglichkeit so viele Seiten von uns zu sehen.

Mit Mut oder Unsicherheit lassen wir bei diesen Treffen unsere Masken und Panzerungen fallen, Potenz- und Gockelgebahren, Mucki- oder materielles Prahlen fallen weg. Dies ist alles nicht mehr notwendig, da gibt es keine Frau, die uns sehen könnte oder die wir erobern wollen. Einfach als Mann unter Männern, dieses Abenteuer des Mann seins, ist wirklich ein solches. Ehrlichkeit durch andere, auf dem Weg zu sich selbst und stets verbunden und getragen durch den Kreis der Männer. Dort entsteht Frieden in der Gruppe und in jedem. Ein Frieden, der wie eine Fackel, dann mit in die Welt hinaus gebracht werden kann. Louis Armstrong’s Song: What a wonderfull world! neu vertont!

Welche drei Bücher empfiehlst du einem Leser, der sich mit diesem Thema Männlichkeit auseinandersetzen will – und was hast du aus diesen Büchern gelernt?

  • Paolo Coelho – Handbuch des Kriegers des Lichts
  • Barry Long – Sexuelle Liebe auf göttliche Weise
  • Oriah Mountain Dreamer – Die Einladung

Die Essenzen meiner Erfahrungen aus diesen Büchern sind vor allem, den Menschen, der mir gegenüber steht, so anzunehmen, wie er jetzt ist. Nicht das zu sehen, was er mal war oder wie er sein müsste, sondern ihn so akzeptieren, wie er just ist. Und ihn dafür zu achten, dass er sich mir so zeigt. Er ist mein Spiegelbild – ob es mir passt oder nicht! Von ihm kann ich lernen und wachsen.

Mit diesem Satz wird auch klar, Hautfarbe, Alter, Religion, Besitztum oder Herkunft spielen keine Rolle. Nur wenn wir ehrlich zu uns selbst sind, und uns selbst vertrauen, können wir beides auch anderen entgegenbringen. Ich fühle in mir, wie wohl es mir dem Aussprechen dieser beiden wesentlichen Worte geht – Ehrlichkeit und Vertrauen!

Die Liebe zwischen Mann und Frau ist jeweils etwas neues, noch nie so da Gewesenes. Altes, Erfahrungen, Vorurteile ablegen und die Möglichkeit und die Chance annehmen, dass tatsächlich etwas entsteht, was noch nie da war. Diese Liebe gilt es zeit- und ziellos in jeder Minuten unseres Daseins zu leben. Für den anderen, für die andere zu gehen. Sich selbst treu zu sein und den Egoismus ablegen. Mein Handeln in Demut und Dankbarkeit durchführen. Oder in der globalen Sprache: Go for it und keep up!. Die Liebe ist das Gegenteil von Angst, nur die Liebe befreit von Angst. Mögen wir alle dies erfahren dürfen!

Herzlichen Dank Roland, wie können die Leser Dich kontaktieren?

Ein herzliches Dankeschön für den Mut, mir diese Fragen zu stellen.

Wer mir etwas zu diesen Worten sagen und mitteilen mag – gerne!

Mann-Sein – Interview mit Roland Reichelt erschien am 8. Juli 2012 auf myMONK.